Caramel Architekten

Foto: Andreas Cebuc

Mit jedem Projekt Neuland zu betreten, gehört zu den Ansprüchen des im Jahr 2001 von Günter Katherl, Martin Haller und Ulrich Aspetsberger gegründeten Büros Caramel. Foto: Andreas Cebuc

Das Trio mit seinen aktuell zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat seit seiner Gründung im Jahr 2001 eine eindrucksvolle Anzahl von Bauten - vom Selbstbauprojekt bis hin zum Universitätsgebäude - realisiert und dabei nicht aufgehört durch unorthodoxe Herangehensweisen und schlaue Konzepte, markante Formen und ungewöhnliche Materialien zu überraschen. Respektlosigkeit gegenüber Konventionen aber unbedingter Respekt vor den Bedürfnissen der Benutzer, ausgeprägte Experimentierfreudigkeit und hohes persönliches wie politisches Engagement bilden weitere Merkmale eines aktiven bisweilen aktionistischen Architekturverständnisses, das vom Team auch in Publikationen, Vorträgen und Lehrveranstaltungen überzeugend propagiert wird.


Jüngstes Beispiel Caramel’scher Cleverness im Umgang mit Limitationen bildet das 2014 fertigstellte Haus Cj-5 in Wien, das bei minimaler Grundrissgröße Dank raffiniertem Raumprogramm und ausgetüftelten Details eine fünfmal höhere Nutzfläche erzielt als die Wohnbauten in der Umgebung. Kritik an den bestehenden Verhältnissen formulieren Caramel gerne in Form von überzeugenden Gegenbeispielen. Aufgrund der Tatkraft des Teams, der ausgeprägten sozialen Agenda und dem durchgängig innovativen Charakter ihrer Arbeiten wurden Caramel Architekten eingeladen, sich an „Orte für Menschen“ und der Architektur-Biennale 2016 zu beteiligen

www.caramel.at
„Upgrade für alle!“

Martin Haller und Günter Katherl von Caramel im Gespräch mit Christian Muhr von Liquid Frontiers

CM: Wenn ich die aktuelle Diskussion zum Thema Flüchtlingskrise betrachte, sehe ich grob zwei Argumentationslinien: einerseits dass Migration und Mobilität historisch gesehen eigentlich den Normalfall darstellen und es sich dabei gewissermaßen um einen „Megatrend" handelt, der sich in Zukunft noch verstärken dürfte, während die andere Fraktion die Lage als Extremfall einschätzt. Das Wort „Ausnahmezustand“ hat in diesem Zusammenhang wieder Konjunktur. Wie lautet eure Einschätzung? Handelt es sich bei unserem Projekt um eine normale Aufgabe für Architekt_innen oder ist sie „außergewöhnlich“ und womöglich extrem?

MH: Wir sehen uns nicht als Architekten, die - an den Bedürfnissen der breiten Bevölkerung vorbei - primär schöne Architektur für ganz wenige Leute machen und in einem abgeschlossenen Luxussegment tätig sind. Bei unseren Arbeiten - selbst wenn es sich um Einfamilienhäuser oder Büros handelt - steht immer die soziale Dimension, der Bezug zur Allgemeinheit im Vordergrund. Das gilt natürlich auch für die Flüchtlingsthematik. Wären wir nur für die „Happy Few“ tätig, hätten wir wohl kaum Expertise, die wir jetzt einsetzen könnten. Für uns lautet die Frage eher umgekehrt: wenn wir jetzt keine Relevanz besitzen, wann dann?

GK: Gleichzeitig stellt sich die Frage, wo der Unterschied zwischen der Sonder- und der Normalsituation liegt, denn genau darin sehe ich die Gefahr, in der wir uns befinden. Als Architekten sehen wir uns angesichts dieser „Sondersituation“ noch stärker als vorher unter Druck gesetzt, endlich ein Wohnen dritter Klasse zu erfinden, eben für solche „Sonderfälle“. Wir gehen davon aus, dass diese Fälle zunehmen werden, was allerdings primär mit der Vergrößerung der Kluft innerhalb der Gesellschaft zwischen Arm und Reich zu tun hat. Diese Entwicklung könnte dazu führen, dass das Wohnen dritter Klasse früher oder später zum Normalfall wird. Dieser Gefahr sind wir uns bewusst.

MH: Menschenwürdige Wohn- und Lebensräume für die breite, arbeitende Bevölkerung zu schaffen, war ja ein zentrales Motiv des sozialen Wohnbaus speziell in Wien und ein langer Kampf. Ich denke, dieses Bestreben muss unser Ziel bleiben. Wir müssen also weiterhin Verbesserungen schaffen, aber nicht nur für die Flüchtlinge, sondern für alle und die aktuelle Situation darf keinesfalls zu einer Nivellierung nach unten führen. Sonst verlieren wir alle Errungenschaften, die mühsam erkämpft wurden. Dann kann es passieren, dass leistbarer Wohnraum zwar gleich viel kostet wie vor fünfzehn Jahren, aber nur noch die Hälfte bietet.

CM: Vom Flüchtlingsexperten Kilian Kleinschmidt stammt die Anregung, den Sozialen Wohnbau auch als möglichen Exportartikel zu begreifen und das damit verbundene Know How in jenen Ländern einzusetzen, aus denen aktuell viele Menschen fliehen und wo großer Bedarf besteht. Von befragten Architekten höre ich diesbezüglich immer Skepsis und den Hinweis, dass diese Idee vielleicht in Bezug auf den historischen Wohnbau zutreffend wäre, aber nicht auf den aktuellen, weil dieser längst unter Restriktionen und Niveauverlust krankt.

GK: Es ist jedenfalls so, dass wir noch immer versuchen, den Sozialen Wohnbau als „Qualitäts-Marke“ zu verkaufen. Auf einem internationalen Symposium haben Architekt_innen jüngst ihre Wohnbauten vorgestellt und dann sollte ein Wiener Architekt sein bahnbrechendes Projekt präsentieren. Es hat sich gezeigt, dass wir nicht mehr annähernd mithalten können mit den Besten, bedingt durch die Masse an Vorschriften und Gesetzen.
Auch deshalb war Wohnbau lange Zeit für uns kein Thema, weil zu beklemmend und unerfreulich. Dann haben wir uns allerdings gesagt, dass wir diesen Bereich nicht vermeiden dürfen, auch weil er speziell für Wien so wichtig ist. Deshalb engagieren wir uns weiterhin auf diesem Gebiet, aber die Wahrheit ist, dass es leider kaum noch Möglichkeiten gibt, hier qualitätsvolle Arbeit zu leisten. Gleichzeitig haben wir den Eindruck gewonnen, die verantwortlichen Stellen halten den Sozialen Wohnbau für „zu gut“ für unser Land. Das neue Schlüsselwort dazu heißt „Smart Wohnen“, was in Wirklichkeit „Schlecht Wohnen“ heißen müsste. Es wird von uns verlangt, die Ansprüche mehr und mehr zurückzuschrauben. Für dieses Ziel ließe sich die Situation der Flüchtlinge natürlich leicht vereinnahmen.
Ich kann nur sagen, wenn wir wirklich vorhaben, diese Menschen in unser Land und unser System zu integrieren, dann müssen wir versuchen, deren Standard jedenfalls soweit anzuheben, dass er mit unserem adäquat und vergleichbar ist. Unser Standard ist im internationalen Vergleich eh nicht so toll.

CM: Es sei hinzugefügt, dass sich der historische Soziale Wohnbau auch stark an etablierten Typologien orientierte, etwa am Feudalbau. Er weist also auch zahlreiche konservative Elemente auf, die man mit Blick auf die unbestreitbaren Innovationen leicht vergisst. Im Hinblick auf Venedig und die internationale Bekanntheit des Wiener Wohnbaus sehe ich schon die Chance zu zeigen, wie aktuelle Projekte sozialer und integrativer Architektur mit diesem historischen Erbe umgehen und es produktiv machen.

MH: Dazu sind zwei Dinge zu sagen: Erstens geht es darum, den Standard zu heben und zweitens bringt die Tatsache, dass wir es mit Flüchtlingen zu tun haben, die aus anderen Kulturen kommen, neue Erfahrungen, Ideen und Ansätze ins Spiel, die für die Weiterentwicklung genutzt werden können. So werden wir wahrscheinlich feststellen, dass der aktuelle österreichische Wohnbau einige wichtige Bedürfnisse der Ankommenden bislang nicht ausreichend berücksichtigt und dieser Mangel birgt die Chance zur Innovation.

CM: Auch eine Bereicherungschance.

HM: Im Idealfall, ja. In Wirklichkeit ist der Wohnbau ja gekennzeichnet von einem ständigen Vor und Zurück. Es gibt immer wieder Vorstöße, die mit der Hoffnung verbunden sind, dass man sie nicht wieder zurücknimmt, sondern dass sie zu einer Verbesserung für alle führen

CM: Die politische und soziale Situation sind wichtige Faktoren eurer Arbeit und in eurem Selbstverständnis. Ich wüsste gerne, ob sich daraus eine besondere Methode oder eine besondere Aufmerksamkeit für bestimmte Fragen ableitet?

GK: Wir achten besonders darauf, ob die Frage richtig gestellt ist. In jedem Projekt ist die Antwort auf die Frage der Mensch. Immer. Somit glauben wir, dass die Frage nach dem Menschen zu stellen, eine zentrale Aufgabe für alle Architekt_innen sein soll. Es geht letztlich immer um „Orte für Menschen“. Den damit verbunden sozialen Anspruch stellt jedes unserer Projekte.

CM: Wie löst ihr diesen Anspruch in der Praxis ein?

MH: Dieses „Für“ ist im kleinsten Maßstab recht einfach zu fassen. Wenn man eine Wohnung umgestaltet oder ein Haus baut, hat man es mit ein oder zwei Ansprechpartnern zu tun, mit denen man einen Dialog beginnt. Das Spannende ist die Suche nach den Bedürfnissen, die im Mittelpunkt des Entwurfsprozesses steht, der gemeinsam passiert. Diese Aufgabe ist für den Planer und den zukünftigen Nutzer gleichermaßen wichtig, weil man erst durch die Beschäftigung auf Aspekte stößt, die einem zuvor nicht bewusst waren. Das Herausarbeiten und das Bewusstmachen der tatsächlichen Bedürfnisse stehen am Beginn des Entwurfsprozesses. Je größer ein Projekt, umso schwieriger wird es, diesen Dialog zu führen.

CM: Noch dazu, weil ihr beim Wohnbau nur noch selten ein konkretes Gegenüber habt.

GK: Das ist der Grund, warum wir als Büro - egal wie groß wir waren - nie aufgehört haben, auch kleine Dinge zu bauen oder Design oder Kunst zu machen. Kolleg_innen haben uns oft gefragt, warum wir beispielsweise Wohnungsumbauten überhaupt noch planen und die Antwort lautet, dass man nirgends sonst so nahe dran ist am Menschen, während man bei Großprojekten immer nur mit „Stellvertretern“ für eine große Gruppe von Menschen zu tun hat. In dieser Situation entstehen immer Zweifel, ob diese Stellvertreter wirklich die Bedürfnisse von anderen repräsentieren können. Wenn wir hingegen ein echtes Gegenüber haben, gibt es dieses Problem nicht, denn dieses Gegenüber kann sich unmittelbar artikulieren. Als Architekten sind wir in erster Linie Übersetzer. Wir übersetzen die Wünsche und Anliegen unserer Auftraggeber_innen in die Sprache der Architektur. Das Ergebnis ist für sie oft überraschend, auch weil sie mit dieser Sprache nicht vertraut sind. Unser Job ist die Übersetzung und wir vermitteln in Wahrheit zwischen Kulturen. Sprache kann ich als Synonym für Kultur nehmen.

CM: Das ist ein banale Bemerkung, aber Auftraggeber_innen haben oft viel mehr Wünsche als Mittel, weshalb ihr nicht nur übersetzen, sondern Prioritäten setzen müsst. Die Übersetzung bedeutet dann auch zu streichen, zu kürzen und zu fokussieren. Und ihr fragt in manchen Fällen nach, wie etwas genau gemeint ist.

GK: Ja, deshalb kommt - wie bereits erwähnt - die Frage immer am Anfang unserer Arbeit. Ich übersetze nicht nur, was jemand sagt, sondern ich bin dazu angehalten, herauszufinden, was hinter dem Gesagten steckt oder was damit gemeint ist.

CM: Die Frage nach dem Gegenüber und seiner Beteiligung ist klarerweise auch im Falle der Flüchtlinge eine ganz wichtige. Gerade sie werden oft nicht gefragt und es wird über sie hinweggeplant.

GK: Momentan haben wir für Menschen zu planen, die wir noch nicht kennen. Wir können dabei aus unserem Erfahrungsschatz schöpfen und wenn der nicht reicht, so gibt es genug Betroffene, die wir fragen können. Auf diese Weise ist es uns möglich, ein Grundkonzept zu entwickeln, aber so weit sind wir noch nicht. Wir wünschen uns sehr, dass sich die künftigen Bewohner_innen unserer Raumvorgaben bemächtigen und sie für ihre Bedürfnisse adaptieren. Wir sind nur eine begleitende Hand, um ihnen das zu ermöglichen.

CM: Plant ihr zeitlich in zwei Stufen oder setzt ihr eure Maßnahmen so, dass sie noch nicht endgültig definiert sind?

MH: Es kann beides passieren, aber wir wünschen uns grundsätzlich, dass durch das Projekt Kreisläufe entstehen. Es kann sein, dass wir zunächst primär allgemeine Anforderungen erfüllen, damit man das Gebäude überhaupt beziehen kann und dass ein guter Teil der Maßnahmen erst danach entwickelt wird. Es soll in jedem Fall zahlreiche Feedback-Schleifen und einen Kreislauf geben. Eine wichtige Herausforderung wird darin bestehen, Möglichkeiten für sinnstiftende Beschäftigung zu schaffen, wozu auch die Mitarbeit bei der Gestaltung der Wohnsituation zählen kann. Nicht alle müssen mitmachen, zum Beispiel bei der Sanierung des Wohnraums, aber es soll Angebote in diese Richtung geben, damit sich die künftigen Nutzer_innen an den Produktionsprozessen auf die eine oder andere Art beteiligen können.
Durch die aktuelle Flüchtlingssituation und die damit verbundene Medienpräsenz gibt es zur Zeit wahrscheinlich mehr Aussagen von Flüchtlingen bezüglich ihrer Wünsche als vom Gros der Wohnungssuchenden sonst. Das ist nicht schlecht, aber zusätzlich wollen wir tatsächlich direkt mit den Personen selbst interagieren und quasi live miterleben, was sie brauchen und was nicht. Sonst bleibt diese Einschätzung an der Oberfläche, auch weil wir nicht wissen, in welchem Kontext die Bedürfnisse formuliert wurden. Ob die Person noch von der Flucht traumatisiert sind oder schon in einer neuen Heimat angekommen.

CM: Dadurch wird eure Methode, aber auch eure Haltung sichtbar.

GK: Für uns gibt es kein Zeitlimit. Die Biennale hat ein Zeitlimit, aber für uns geht das Projekt danach jedenfalls weiter. Im Gegensatz zum klassischen Wohnbau, der als abgeschlossen gilt, sobald die Abnahme erfolgt ist, haben wir hier den großen Wunsch, längerfristig in einer Art Feldforschung tätig zu sein. Wir denken an einen Projektzeitraum von zwei bis drei Jahren. So lange werden wir dieses Haus und die Leute in irgendeiner Weise betreuen und begleiten. Die Lernphase wird erst zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen sein und das wäre dann der ideale Moment für ein Revival der Biennale, um zu zeigen, was wir wirklich können. In Wahrheit wird man natürlich zu keinem Zeitpunkt alle Bedürfnisse erfassen können, weil jeder Mensch anders ist und so viele verschiedene Herkunftsländer und verschiedene Geschichten im Spiel sind, dass es keine eindeutigen und endgültigen Ergebnisse geben wird.

CM: Was beschäftigt euch im Zusammenhang mit diesem Projekt sonst noch?

MH: Die grundsätzliche Frage, wie sinnvoll Kontingente sind.

GK: Wir können mit unseren Kompetenzen viel lösen, sozial und architektonisch, aber womit wir uns schwer tun, ist die Situation, dass es immer um Häuser geht, die tendenziell mit Flüchtlingen vollgestopft werden sollen. Dahinter steckt ein politischer Ansatz, gegen den wir uns verwehren, weil wir ihn prinzipiell für falsch halten, egal in welcher Größenordnung er angewendet wird.
Politik und Gesellschaft fordern, dass sich die ankommenden Menschen in unser System integrieren, wobei das System so strukturiert ist, dass wir ihnen diese Möglichkeit eigentlich verweigern. Zur Zeit kommt pro hundert Menschen etwa ein Flüchtling. Wenn wir Österreich in lauter Tausenderparzellen teilten, bin ich mir sicher, dass die Aufnahme und Integration viel besser funktioniere würde, was sich in etlichen Ortschaften ja am Land beobachten lässt. Dort werden die Menschen vom ganzen Ort empfangen und jeder möchte etwas tun. Ohne Bürokratie sieht man, wie schnell das eigentlich gehen kann. Unter tausend Menschen gibt es genug, die ausreichend soziales Empfinden haben, um zu helfen. Anhand dieser Orte kann man sehen, wie schnell die Einbindung in das soziale Netz gelingen kann. In einer Großstadt ist die Lage natürlich anders, aber auch dort halten wir die Idee, Häuser zu 100 Prozent mit Flüchtlingen zu besetzen, für völlig falsch.

CM: Diese Einschätzung ist in der Fachwelt unbestritten. Trotzdem kommt es weiterhin ständig vor.

MH: Wenn ich das Problem nicht gleich optimal lösen kann, ist das Minimum, bei dem ich ansetzen kann, die Schaffung einer positiven Schnittstelle zur Öffentlichkeit. Aber besser wäre es, die Menschen auf kleine Einheiten aufzuteilen.

CM: Wenn wir vom aktuellen Anlass, den Asylsuchenden, absehen, in welchem Kontext seht ihr das Ganze?

MH: In einem größeren Kontext geht es um Integration versus Isolation, wie sich auch bei den Senioren zeigt, die ihr Leben lang in einer Wohnung wohnen und sobald sie sich nicht mehr hundertprozentig selbst versorgen können, in ein Heim kommen, wo sie ab und zu besucht werden. Obwohl es genug Beispiele gibt, dass diese Menschen teilweise noch über wertvolle soziale und sonstige Fähigkeiten verfügen, werden sie isoliert und abgeschnitten vom allgemeinen Leben. Wenn es gelingt, auch mit architektonischen Mitteln stattdessen Schnittstellen zu schaffen, entsteht auch hier die Möglichkeit für Begegnung und Austausch.

CM: Eine These, die mich sehr inspiriert, stammt von einem Hamburger Psychoanalytiker, der sagt, der Mensch sei ein Belastungswesen. Als Beispiel bringt er Fälle von Menschen, die bereit waren eine Belastung zu übernehmen, etwa regelmäßig nach dem demenzkranken Nachbarn zu schauen. Anfangs wollen sich viele Menschen dazu nicht verpflichten, aber jene, die es tun, können sich bald nicht mehr vorstellen, ohne diese Verpflichtung zu sein, weil sie diese als bereichernd und nicht als belastend empfinden, wie ursprünglich vermutet.

GK: Wir wissen, dass diese Beschreibung auch für die Integration von Flüchtlingen zutrifft. Ich denke, wir haben das Bewusstsein für die Bedeutung des Familienverbandes und der sozialen Beziehungen ganz allgemein durch die Fixierung auf unsere Freiheit etwas aus den Augen verloren. Die Ankommenden konfrontieren uns nun auf vielfältige Weise wieder mit diesem tabuisierten Thema.

CM: Vor diesem Hintergrund empfinde ich den Verweis auf Rudofsky als richtig, denn bekanntlich lautet sein Credo, dass nicht nur eine neue Bauweise sondern in erster Linie eine neue Lebensweise nottut.

Wien, am 26.11.2015
Haus CJ_5, Wien 2014, Foto: Herta Hurnaus

Haus CJ_5, Wien 2014, Foto: Herta Hurnaus

Haus Lina, Linz 2004, Foto: neutrallicht

Linz 09, Linz 2009, Foto: Caramel

World of Sports - Office West, D-Herzogenaurach 2015, Modell und Rendering: Caramel

Haus Lina, Linz 2004, Foto: neutrallicht